Alles bekannt und doch neu: Der Wiedereinstieg

Anette von Löwenstern hatte einen tollen Job, als sie mit 39 Mutter wurde. Sie war Abteilungsleiterin einer Pharma-Marketing-Agentur, moderierte Ärzte-Workshops und akquirierte wichtige Kunden. Ihr Chef kommentierte die frohe Kunde ihrer Schwangerschaft denn auch knapp mit den Worten 'Muss denn das jetzt sein?'. Und es kam, wie es so viele junge Mütter erleben: Das weitere Arbeitsverhältnis gestaltete sich schwierig. Stefanie Bilen hat Anette von Löwenstern für das Buch "Mut zu Kindern und Karriere" interviewt.

Hamburg, den 26 Oktober 2016 - SAAL ZWEI

Die Beratungsfirma Boston Consulting Group brachte es auf den Punkt, als sie Ende 2015 eine Studie über Frauen in Führungspositionen veröffentlichte und dabei provokant formulierte, dass Frauen mit Kindern hierzulande in einer "lebenslangen Babypause" enden. Zwar kehrten viele nach der Geburt ihrer Kinder ins Arbeitsleben zurück, schreiben die Autoren, doch die meisten von ihnen mit halber Kraft.

Laut Zahlen des Bundesfamilienministeriums (BMFSFJ) aus dem Jahr 2010 kehren 59 Prozent der Wiedereinsteigerinnen nach weniger als drei Jahren ins Erwerbsleben zurück. Die durchschnittliche Erwerbsunterbrechung von Müttern mit Kindern, die zwischen 2008 und 2010 geboren wurden, dauerte 19 Monate. Rund 30 Prozent der 5,3 Millionen berufstätigen Mütter arbeiten Vollzeit, wie Daten des Statistischen Bundesamts belegen, der Rest Teilzeit unter 32 Stunden.

Doch offensichtlich ändert sich die Stimmung im Land: Mehr als die Hälfte der Frauen, die für mehr als sechs Monate ausgestiegen waren, wären einer Studie des Forschungsinstituts IGES zufolge gerne wieder früher arbeiten gegangen. Was sie daran hinderte? Fehlende Kinderbetreuungsmöglichkeiten, mangelnde Flexibilität im Job und zu wenig Unterstützung des Partners, heißt es in der Untersuchung. Immerhin sind seit Einführung des Elterngeldes vor gut acht Jahren und mit dem Ausbau der staatlichen Kinderbetreuung mehr Mütter früher auf den Arbeitsmarkt zurückgekommen. Vereinzelt gibt es sogar Projekte in der Wirtschaft, um auch Frauen aus einer langen Familienpause zurück ins Arbeitsleben zu holen: Der Chemiekonzern Lanxess hat beispielsweise ein „Senior Trainee-Programm“ ins Leben gerufen, um Akademikerinnen, die wegen ihrer Kinder länger als sieben Jahre pausierten, den Wiedereinstieg zu ermöglichen. 18 Monate lang werden sie durch Fortbildungen und Mentoring begleitet.

Schlechtes Karma: Wenn der Chef mauert

Tatsächlich gelingt vielen Frauen nur unter großen Anstrengungen überhaupt ein Wiedereinstieg. Mal sind es subtile Bemerkungen und Sticheleien von Vorgesetzten und Kollegen, die Frauen entmutigen, auf ihre alte Stelle zurückzukehren. Mal werden ihnen Steine in den Weg gelegt und ihr Arbeitgeber winkt mit Degradierung und Gehaltskürzung. Die Frankfurt University of Applied Sciences hat in der Studie „Karriereperspektiven berufstätiger Mütter“ unter 1.801 Teilnehmerinnen herausgefunden, dass jede dritte Mitarbeiterin von ihrem Vorgesetzten nicht ermutigt wurde, frühzeitig in die Firma zurückzukehren. 68 Prozent kehrten dennoch zurück, bekamen jedoch die alte Position nicht zurück (25 Prozent), weil entweder jemand anderes eingesprungen war oder die Stelle gestrichen wurde. Zwei von drei Wiedereinsteigerinnen mussten sich mit einem niedrigeren Tätigkeitsniveau, geringeren Einflussmöglichkeiten, schlechterer Bezahlung und/oder schlechteren Aufstiegschancen abfinden.

Anette von Löwenstern kennt diese Entmutigungen nur zu gut. Nicht aus Studien, sondern aus eigener Erfahrung. Die Politikwissenschaftlerin war Abteilungsleiterin für PR-Arbeit und Kommunikation mit einem Team von zehn Mitarbeitern bei einer Pharma-Marketing-Agentur, bevor sie schwanger wurde. Bis dahin galt sie als Leistungsträgerin des Unternehmens, akquirierte große Aufträge nicht nur für ihren Bereich und stand bei ihrem Chef, dem Inhaber, hoch im Kurs. Die frohe Kunde ihrer Schwangerschaft kommentierte der Chef jedoch mit den knappen Worten „Muss denn das jetzt sein?“ Weil er ihr finanzielle Unterstützung bei der Kinderbetreuung zusagte, wenn sie denn schnell wiederkomme, zeigte die Hamburger Working Mom weiter überdurchschnittlichen Einsatz. Sie reiste quer durch die Republik, moderierte hochschwanger Ärzte-Workshops und freute sich darauf, künftig Beruf und Familie miteinander vereinbaren zu können.

Geplant hatte sie eine Elternzeit von zwei Jahren, allerdings bei einem Wiedereinstieg nach drei Monaten auf Teilzeitbasis. Sogar während des Mutterschutzes führte sie noch Kundengespräche und war eingebunden in die Kommunikation im Büro. Ein paar Wochen nach der Geburt saß sie wieder in der Agentur, während eine Kinderfrau mit dem Baby spazieren fuhr und es zum Stillen vorbeibrachte. Auch für die Firma war es eine schwierige Zeit. Ein wichtiger Kunde vertagte zugesagte Projekte, in anderen Bereichen blieben Aufträge aus. Doch die Stimmung war gut, weswegen Anette von Löwenstern aus allen Wolken fiel, als sie nach einem Urlaub erfuhr, dass ihr und ihrem gesamten Team gekündigt worden war.

Später wurde ihre Kündigung zwar zurückgenommen, weil sie in Elternzeit gar nicht zulässig ist, aber das Tischtuch war zerrissen. „Ich empfand das Verhalten als absolutes Misstrauensvotum. Aus meiner Sicht hatte ich Größtmögliches geleistet – ganz ohne Würdigung“, erinnert sich von Löwenstern. Das Arbeitsverhältnis wurde unschön beendet und schließlich machte sich die PR-Expertin erfolgreich selbständig – was im Kapitel über Firmengründungen beschrieben wird (siehe Seite 86). Dennoch brauchte Anette von Löwenstern einige Monate, bis sie sich von dieser Erfahrung erholte: „Für mich war es eine große Umstellung, mit 39 Jahren Mutter zu werden. Es hat eine Weile gedauert, bis ich mich an den neuen Rhythmus und die Verantwortung gewöhnt hatte: Die mangelnde Mobilität, die nicht vorhandene Flexibilität… Daran hatte ich zu knabbern und fühlte mich überhaupt nicht groß und stark. In einer solchen Situation so vom Arbeitgeber behandelt zu werden, ist mehr als unangenehm.“

 

Dieser Text ist ein gekürzter Auszug aus dem Buch Mut zu Kindern und Karriere - 40 Working Moms erzählen, wie es funktionieren kann" von Stefanie Bilen und Working Moms e.V. als Herausgeber. Andere Mütter erzählen im Anschluss an diesen Beitrag, wie der Wiedereinstieg erfolgreich funktionieren kann. Das Buch ist diesen Monat im Frankfurter Allgemeine Buch-Verlag erschienen.


Autorin und Protagonistinnen vor Ort:


03. November 2016 - Buchhandlung Stories HamburgLesung und Podiumsdiskussion im Kreise der Hamburger Working Moms

09. November 2016 - Impulstagung "Männer und Karriere" in Kooperation mit dem Hessischen Rundfunk, Buchstand

02. Dezember 2016 - Ernst & Young in Hamburg: Lesung und Diskussion, interne Veranstaltung

25. Januar 2017 - Ladies@WHU, weiblicher Teil des Alumni-Netzwerks der Wirtschaftshochschule WHU, Campus Düsseldorf, Lesung und Diskussion mit Stefanie Bilen und Phoebe Kebbel, Gründerin der Working Moms

26. Januar 2017 - Linklaters, Frankfurt; interne Veranstaltung

30. März 2017 - Unilever, Hamburg; Podiumsdiskussion - offen für Interessen/tinnen

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